Frühjahr = Hufrehesaison?

In der Regel häufen sich die Fälle von Hufrehe im Frühjahr. Aus diesem Anlass eine Zusammenfassung der aktuellen Konzepte zur Entstehung von Hufrehe. Der Beginn der Weidesaison ist zwar für nicht wenige Pferde kritisch aber es gibt auch andere Ursachen für Hufrehe. Im Folgenden eine knappe Zusammenfassung. Eine ausführliche Beschreibung der Zusammenhänge bei der Hufrehe finden Sie in EquiVetInfo im entsprechenden Bereich Hufrehe.

Hinsichtlich der Theorien über die Ursachen der Hufrehe hat sich in den letzten Jahren einiges gewandelt.

Die Ursachen für Hufrehe kann man in drei Gruppen gliedern:

  • Akute „Vergiftungen“ durch
    • Kohlenhydrate
    • Sepsis (Blutvergiftung)
      • Infektionen (z. B. Nachgeburtsverhaltung)
      • Darmentzündung, Kolik
    • Diverse Giftstoffe
  • Stoffwechselerkrankungen
    • Insulinresistenz
      • Metabolisches Syndrom des Pferdes
      • Cushing Syndrom des Pferdes
  • Mechanische Auslöser
    • Belastungsrehe

Die wichtigsten Auslöser für Hufrehe sind Stoffwechselerkrankungen und akute „Vergiftungen“. Mit dem Wort “Vergiftungen” muss man in diesem Zusammenhang etwas vorsichtig umgehen, da es keine Vergiftungen sind, wie man sie sich landläufig vorstellt. Die Vergiftung beruht auf dem Übertritt von bakteriellen Bestandteilen in den Körperkreislauf, was in diesem eine Kaskade von schädlichen Reaktionen hervorruft, die in der Zerstörung des Hufbeinträgers und der Hufrehe enden kann.

Entgegen der weit verbreiteten herkömmlichen Vermutung spielt Eiweiß bei Hufrehe keine Rolle. “Eiweißvergiftung” ist kein klassischer Auslöser für Hufrehe. Inzwischen weiß man, dass nicht das Eiweiß, sondern bestimmte Kohlenhydrate (Zucker, Stärke und Fruktan) im Futter der Pferde die Auslöser für Hufrehe sind. Wenn ein Pferd auf der Weide oder nach dem Plündern des Futterwagens eine akute Hufrehe bekommt, ist nicht das Eiweiß, sondern sind die aufgenommenen Kohlehydrate daran schuld.

Bei den akuten “Vergiftungen” kommt es meist zum dramatisch ablaufenden akuten, hochgradigen Reheschub. Hier spielt sich die Hufrehe ab, wie man sie sich üblicher Weise vorstellt und die in aller Regel mit einer Hufbeinrotation endet.

Bei den Stoffwechselerkrankungen stehen Erkrankungen, die mit einer Insulinresistenz einhergehen, im Vordergrund. Bei einer Insulinresistenz reagiert der Körper auf Insulin nicht mehr normal und der Zuckerstoffwechsel des Körpers entgleist. Dabei bleibt der Blutzuckerspiegel permanent zu hoch, was für den Körper und besonders die Gefäße sehr schädlich ist. Über komplizierte noch nicht vollständig erforschte Mechanismen kommt es zur Schädigung des Hufbeinträgers.

Es gibt beim Pferd zwei Gründe für Insulinresistenz.

  1. Metabolisches Syndrom des Pferdes (EMS)
  2. Cushing Syndrom des Pferdes (ECS)


Metabolisches Syndrom des Pferdes - EMS

Beim Metabolischen Syndrom des Pferdes bzw. dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) handelt es sich um eine Erkrankung des Energie bzw. Zucker-Stoffwechsels mit Insulinresistenz. Die erkrankten Pferde sind ausnahmslos übermäßig fett. Das im Zentrum der Erkrankung stehende „Organ“ ist spezielles Fettgewebe. Dieses Fettgewebe ist entgegen bisheriger Vorstellung kein passives Speichergewebe sondern eine sehr aktive Hormondrüse. Die vom Fettgewebe produzierten Botenstoffe bzw. Hormone sind verantwortlich für die schleichende Schädigung des Hufbeinträgers, was zur Hufrehe führt.

Mangelnde Bewegung und Überernährung sind die Hauptgründe für die Ausbildung krankhafter Fettdepots und die Entstehung des EMS.


Pferd mit hochgradiger Verfettung und EMS

EMS ist in seinen Anfangsstadien nicht (oder nur schwer) erkennbar. Auch die Hufrehe, die durch EMS hervorgerufen wird, verläuft meist chronisch schleichend und unauffällig. Viele der Pferde zeigen eher eine Hufbeinsenkung als eine Hufbeinrotation. Der akute Schub mit erheblicher Lahmheit und typischen Rehesymptomen bleibt zu Beginn der Erkrankung erst einmal aus. Für den Pferdebesitzer kommt die Hufrehe dann oft ohne ersichtlichen Grund aus heiterem Himmel.

Wenn EMS beim Pferd besteht, entwickelt sich ein Teufelskreislauf, der kaum noch zu durchbrechen ist. Die Krankheit erhält sich selbst.


Teufelskreis bei Stoffwechselkrankheiten mit Insulinresistenz

Nur ausreichende Bewegung bei angepasster Fütterung kann den Teufelskreis stoppen. Wegen der Hufrehe ist dies aber bei den meisten Pferden nicht möglich, weshalb die Prognose für diese Pferde langfristig sehr schlecht ist.


Cushing Syndrom des Pferdes - ECS

Unter dem Cushing Syndrom des Pferdes bzw. dem Equinen Cushing Syndrom (ECS) versteht man eine Erkrankung der Hirnanhangdrüse, die mit bestimmten Hormonstörungen einhergeht. Die Ursache von ECS ist im Gegensatz zum Cushing des Menschen kein Tumor der Hirnanhangsdrüse, sondern eine altersbedingte Fehlfunktion. Der körpereigene Kortisonspiegel ist beim Pferd nicht unbedingt erhöht, er kann es aber sein. Eine Fehlfunktion der Hirnanhangdrüse entwickelt sich bei sehr vielen Pferden ab einem Alter von etwa 18 Jahren. Die Auswirkungen sind aber nicht bei allen Pferden offensichtlich zu erkennen.

Die häufigsten Symptome von Cushing beim Pferd sind:

  • Langes „Winterfell“ auch im Sommer
  • Leichtes Schwitzen
  • Leistungsintoleranz – Lethargie
  • Schlechte Bemuskelung
  • Unfruchtbarkeit
  • Schlechte Wundheilung
  • Geschwächtes Immunsystem
  • Hohe Wasseraufnahme und Harnproduktion
  • Hufrehe – häufige Hufgeschwüre
  • Insulinresistenz
  • Fettverteilung wie bei EMS

Diese Symptome sind lediglich möglich, sie müssen aber nicht auftreten. Viele Pferde mit ECS sind eher mager, können aber trotzdem die krankhaften Fettdepots haben.

Die Entstehung von ECS wird durch einer langjährigen Verfettung der Pferde begünstigt oder kann sich als Anschlusserkrankung an EMS entwickeln.

Auf Grund der Verfettung und der abnormen Fettpolter sehen beide Krankheiten äußerlich bei manchen Pferden ähnlich aus.

EMS - Metabolisches Syndrom

  • Zivilisationserkrankung
  • Überfütterung
  • Auch in jungen Jahren
  • Normales Haarkleid

ECS - Cushing

  • Alterserkrankung
  • Verfettung ohne Überfütterung
  • Meist nur bei alten Pferden
  • Dauerhaftes „Winterfell"

Typisches älteres Pferd mit langem Fell und schlechter Bemuskelung.

Das Metabolische Syndrom des Pferdes (EMS) tritt meist im Alter von 8 bis etwa 18 Jahren auf, das Cushing Syndrom des Pferdes (ECS) erst danach ab etwa 18 Jahren.

Bei beiden Erkrankungen kann man die Anfänge tückischer weise nicht oder nur sehr schwer erkennen. Der Beginn beider Erkrankungen ist schleichend und äußerlich nicht erkennbar.

Da die Problematik der Insulinresistenz vorliegt, ist verständlich, dass Pferde mit ECS ebenfalls zu Hufrehe neigen. Die Zusammenhänge sind genauso, wie beim EMS beschrieben.

Pferde mit EMS oder ECS sind gegenüber den klassischen Hufreheauslösern wesentlich anfälliger als gesunde Pferde. Ein ganz normaler Futterwechsel, “gestresstes” Gras mit hohem Fruktangehalt an frostigen Tagen oder auch nur die Aufnahme von größeren Mengen normalen Grases führt sofort zur Verschlimmerung der Hufrehe oder einem akuten Schub.


Fruktan

Fruktan ist ein Kohlenhydrat im Weidegras oder Heu. Da Fruktan für das Pferd schlecht verdaulich ist, kann es zu erheblichen Störungen der Bakterienflora im Darm führen. Diese Störung der Bakterienflora verursacht wiederum Vergiftungserscheinungen, die in der Hufrehe enden können.

Die Konzentration von Fruktan im Gras ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Abgesehen von den unterschiedlichen Grassorten spielt die Witterung die größte Rolle.

Nicht nur der Fruktangehalt, sondern die absolut aufgenommene Menge an Gras mit allgemein hohem Energiegehalt, kann eine Rehe auslösen. Das ist in der Auswirkung ähnlich, als wenn ein Pferd unkontrolliert den Futterwagen plündert! Da das Gras nicht immer gleich gefährlich ist, kann man durch entsprechendes Management die gefährdeten Pferde vor den kritischeren Zeitabschnitten und Weidebedingungen zu schützen versuchen. Die Rehegefahr durch Fruktan besteht generell über das ganze Jahr hinweg, schwankt aber entsprechend der Witterung und Tageszeit.

Anhaltspunkte

  • Generell muss man bei Pferden mit Vorerkrankungen (EMS, ECS, Hufrehe) besonders vorsichtig sein
  • Man sollte jeglichen drastischen Futterwechsel vermeiden.
  • Wann immer Gras gestresst ist, ist erhöhte Vorsicht geboten oder besteht Weideverbot
    • Bei starken kurzfristigen Klimaschwankungen mit Auswirkung auf das Gras (besonders im Frühjahr und Herbst) steigt die Gefahr erheblich
    • Bei Tagen nach Nachtfrost oder Temperaturen knapp über Gefrierpunkt (bis 5°) wird das Gras gefährlich
    • Am Nachmittag und Abend an einem kalten, trockenen sehr sonnigen Tag kann es kritisch werden
    • Auf überweideten oder frisch abgemähten Weiden ist das Gras ebenfalls gestresst
    • Trockenheit oder mangelnde Düngung sind Stressoren für Gras

· Gras, das zu blühen beginnt, ist zwar eine Delikatesse aber gefährlich und sollte bei gefährdeten Pferden gemieden werden

  • Prinzipiell sollte man gefährdete Pferde (wenn alle anderen Faktoren berücksichtigt sind!) eher zu Tageszeiten auf die Weide schicken
    • zu denen die Photosynthese reduziert ist (bei Dunkelheit/Bewölkt) und
    • das Pflanzenwachstum begünstigt ist (Wärme und Feuchtigkeit hoch).
  • Bei entsprechenden Witterungsbedingungen kann es somit sinnvoll sein die Pferde spät nachts oder sehr früh am Morgen auf die Weide zu schicken und am Vormittag, wenn die Sonneneinstrahlung zunimmt, von der Koppel zu holen.
Eine ausführlichere Beschreibung der Problematik die mit den Fruktanen einher geht finden Sie in EquiVetInfo im entsprechenden Bereich


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