Rollkur - Hyperflexion

Nachdem sich die Deutsche Richtervereinigung und damit die FN schon länger gegen Rollkur bzw. Hyperflexion als akzeptable Reit- und Trainingsmethode ausgesprochen hat, gibt es seit April 2008 auch ein entsprechendes Statement der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI).

Der Wortlaut der Pressemitteilung lautet:

„Das Veterinär-Komitee hat festgestellt, dass zwar keine klinisch nachweisbaren Nebeneffekte mit der Hyperflexion in Verbindung gebracht werden können, es aber ernsthafte Bedenken betreffs des Wohlbefindens des Pferdes bestehen, wenn diese „Technik“ nicht korrekt angewendet wird. Die FEI verurteilt Hyperflexion in jeder reitsportlichen Disziplin als ein Beispiel von mentalem Missbrauch. Die FEI betont, dass sie diese Trainingsmethode nicht unterstützt.“


Auch wenn in dem Statement immer noch darauf verwiesen wird, dass es keinen Nachweis für Schäden auf Grund dieser Reitweise gibt, melde ich aus meiner klinischen Erfahrung hier Zweifel an. Nicht ohne Grund wird die nicht unbedeutende Einschränkung gemacht, dass Schäden vermutlich nur dann nicht eintreten, wenn die Technik korrekt angewandt wird. Aber gerade da liegt ein großes Problem.

Bewegungsphysiologisch muss man die Hyperflexion der Halswirbelsäule (Rollkur) meines Erachtens so einordnen wie extreme Bewegungen oder Verrenkungen von Artisten. Man geht an die Grenzen der natürlichen Beweglichkeit der Gelenke. Die Anatomie erlaubt grundsätlich solche an die Grenzen gehenden Bewegungen - aber gesund ist das nur, wenn man sehr vorsichtig darauf hin trainiert. Mit Gewalt geht es schon gleich gar nicht, wenn man Schäden verhindern will.

Sehe ich mir die Fälle von Rittigkeitsproblemen an, die mir zur medizinischen Úntersuchung vorgestellt werden, stelle ich fest dass es eine zunehmende Zahl an Patienten gibt, die Probleme im "Genick" bzw. im Bereich des Ansatzes des Nackenbandes am Schädel und der Muskulatur in dieser Region haben. Waren es früher meist nur "Rückenprobleme" so sind es jetzt fast genauso viele "Genickprobleme". Lasse ich mir diese Pferde dann vorreiten, gehen diese fast ausnahmslos deutlich hinter der Senkrechten. Ab einem gewissen Stadium stellen sich die Pfrede dann "freiwillig" in diese Haltung, weil es dann offensichtlich weniger schmerzt. Nur sehr geschickte Reiter sind in der Lage diese Pferde dann in korrekter Haltung zu reiten.

Bezüglich röntgenologischer Veränderungen im Ursprungsbereich des Nackenbandes muss man vorsichtig sein, denn diese können auch ganz natürlich auftreten ohne Probleme zu bereiten. Die Veränderungen, die aber auf Grund falscher Haltung und falscher Reitweise entstehen sind ein therapeutisches Problem.



Anatomie der Genickregion: 1 Hinterhauptbein, 2 erster Halswirbel, 3 zweiter Halswirbel, 4 Nackenband



Das Röntgenbild zeigt eine typische Knochenwucherung am Hinterhauptbein in der Region in der das Nackenband ansetzt

Was von den allermeisten Reitern unterschätzt wird, sind die Kräfte, die man mit dem Zügel am Genick ausüben kann. Da das Gebiss ja nicht an den Ohren befestigt ist, sondern im Maul liegt, bekommt der Reiter einen gewaltigen Hebel in die Hand. Durch die Hebelwirkung können mit der reiterlichen Hand am Hinterhauptbein Kräfte um die 1000Kg erzeugt werden.


Hebelwirkung des Zügels am Genick

Voraussetzung für eine korrekte Anlehnung ist Losgelassenheit. Eine Zwangshaltung verträgt sich nicht mit Losgelassenheit und damit auch nicht mit Anlehnung. Hyperflexion bedeutet eine ÜBERdehnung der Halswirbelgelenke und verursacht eine ÜBERspannung des Rückens, was so manche Aktionen der Pferde erklärt. Es entsteht eine Vielzahl negativer Auswirkungen, wenn das Pferd seinen Hals nicht als Balancierstange verwenden darf. Da die Skala der Ausbildung schrittweise auf den jeweiligen niedrigeren Stufen aufbaut, kann es ohne Losgelassenheit und Anlehnung auch keinen wirklichen Schwung und keine korrekte Versammlung geben. Außerdem kommt die Hyperflexion einem Polizeigriff gleich, gegen den sich das Pferd kaum wehren kann. Zu guter letzt ist es auch nicht gerade ästhetisch.

Gerd Heuschmann´s Buch, Finger in der Wunde in dem dieses Thema nicht zu kurz kommt, ist übrigens in den USA ein Renner geworden. Dort ist das Buch unter dem Titel: Tug of War: Classical Versus "Modern" Dressage: Why Classical Training Works and How Incorrect Riding Negatively Affects Horses' Health erschienen und derzeit Nr1 bei den Reitbüchern.

Das Videos in YouTube, das nicht von mir stammt, zeigt recht schön die Problematik von Hyperflexion oder Rollkur.



In sofern ist die Haltung der FEI Hyperflexion der Halswirbelsäule als inakzeptabel zu verurteilen aus tierärztlicher Sicht zu begrüßen.

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